Artikel im Landboten vom 30. August 2013
Auf unsicherem Terrain
Aufbruch oder Rückschritt? Das mag sich fragen, wer wie der Maler Werner WAL Frei den Umbruch in Kairo hautnah miterlebt hat. Die Ausstellung im Atelier Alexander trägt den Titel "Verunsichert".
Von Lucia Angela Cavegn
Ausstellungstitel sind oft Behelfskonstruktionen. Wenn auf einer Einladungskarte das Prädikat "Verunsichert" den Namen des Künstlers unterstreicht, wirft dies Fragen auf. Wer ist hier verunsichert? Der Künstler? Oder die Ausstellungsbesucher?
Nun, die Neugierde ist geweckt. Wer die Ausstellung in Wülflingen besucht, sieht sich mit vier ganz unterschiedlichen Werkgruppen konfrontiert. Mehrheitlich aus dem Jahr 2011 stammen die mit Wachsstiften auf schwarzem Papier ausgeführten, geheimnisvoll wirkenden Nachtbilder, wo die Welt als Lichtermeer erfasst wird und der Mondschein alles Gegenständliche ins Erscheinungshafte wandelt.
Ganz anders hingegen die Arbeiten aus diesem Jahr, die unter dem Eindruck des letztjährigen Kairo-Aufenthaltes entstanden. Von November 2011 bis März 2012 bezog Werner WAL Frei ein Atelierstipendium der Stadt Winterthur. Sein Aufenthalt in der ägyptischen Hauptstadt fiel mit der zweiten Welle des sogenannten Arabischen Frühlings zusammen.

Gefährlicher Brandherd

Die Kairo-Bilder zeigen sonnenbeschienene Dachlandschaften, auf denen die netzwerkartig sich ausbreitenden Satellitenschüsseln als weisse Kreise einen starken formalen Kontrast zur kubischen Architektur bilden und darüber hinaus den Durst nach Information visualisieren. Die Titel dieser Werke lauten denn auch "... hungry for information?" und "... hungry for entertainment?".
Direkten Bezug zum Aufstand nimmt das Bild "or hungry for war?". Der politische Brand ist nur schwer zu löschen, lautet die Botschaft. Symbolisch tritt eine einsame, mit einem Wassereimer "bewaffnete" Männergestalt aus dem rauchgeschwängerten Hintergrund, wo sich Demonstranten und Militärs ein Scharmützel liefern. Einen abgründigen, leicht surrealen Anstrich weist das Werk "Flying (bread-)carpet" auf, das den Blick auf einen Strassenausschnitt aus der Vogelperspektive offenbart.
Zwischen die beiden Werkgruppen reihen sich die Fotoprints mit Impressionen aus Kairo, die zum Teil als Vorlage für die Dachlandschaften dienten, und vier skurrile skulpturale Arbeiten, die wie ein künstlerisches Zwischenspiel daherkommen und es dem Betrachter überlassen, was davon zu halten sei.

Zäsur und neue Lebenskraft

Wie die Ausstellungsliste offenbart, hat Werner WAL Frei im Jahr 2012 vor allem an Fotoprints und skulpturalen Experimenten gearbeitet. In der Biografie ist zudem nachzulesen, dass er letztes Jahr als Mitglied der städtischen Kunstkommission zurückgetreten ist. Dazu kommt - das steht nicht in der Biografie -, dass er sein Atelier in der Alten Kaserne aufgegeben hat.
Nach der Rückkehr aus Kairo musste Werner WAL Frei aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten. Die schicksalsbedingte Auszeit bedeutete für den Künstler eine existenzielle Verunsicherung. Mit bewundernswerter Kraft scheint er diese überwunden zu haben. Die neuen Bilder sind Ausdruck neuer Lebenskraft. Sie schöpfen aus dem immensen Bildvorrat, den sich der Künstler während seines Auslandaufenthaltes mit der Kamera angelegt hat.
Es sind nicht mehr wie einst eskapistisch-romantische Bildmotive, sondern Bilder einer verunsicherten und verunsichernden Realität, die tagtäglich über die Medien in unseren Alltag hereinbrechen. Die Nachtbilder verlieren angesichts der taghellen, ungemein präsenten Kompositionen ihren Reiz. Sie zeugen von einem wachen Interesse an einer gleichzeitig fernen wie auch nahen Region. Werner WAL Frei steht seinen eigenen Worten zufolge noch immer in regem Kontakt mit Kairo. So telefoniert er mindestens zweimal wöchentlich mit Bekannten, die ihm aus erster Hand über die Vorkommnisse in Ägypten berichten. Die staatlichen Medien sind gleichgeschaltet, der arabische Sender Al-Dschasira verboten; was bleibt, ist die Verunsicherung über die Zukunft.

Engagierter Kommentar

Die aktuellen Bilder von Werner WAL Frei erfinden die Malerei zwar nicht neu. Doch es handelt sich keineswegs um abgemalte Fotografien, wie man auf den ersten Blick vielleicht vermuten könnte, sondern um "paysages composés". Die verdichteten Kompositionen beruhen auf einem Verschnitt verschiedener fotografischer Vorlagen. Diese Art von Malerei ist keine "l'art pour l'art", sondern der persönliche Kommentar eines engagierten Künstlers zum Zeitgeschehen.