Ausstellungsbesprechung Youssef Limoud
Das lebenshungrige Kairo mit den Augen des Künstlers Werner WAL Frei
Von Youssef Limoud
Vier Monate hat Werner WAL Frei mit einem Kunststipendium in einem Atelier auf der Insel Qusaya in Kairo verbracht. Er hatte auch eine Wohnung in der Innenstadt. Für ihn bildeten die beiden Orte die Ausgangspunkte, von denen aus das Auge und die Sensibilität des Künstlers die brodelnde Stadt in vielen Dimensionen erfasste: architektonisch, historisch, menschlich, politisch und psychologisch. Danach kehrte er in seine Heimat zurück, um dort die Kostbarkeiten aus der Fülle des Materials, das die Fotolinse und sein Gedächtnis aufgenommen hatten, hervorzuholen. Er hat sie aus der notwendigen Distanz in kontemplativer Tätigkeit bearbeitet.

Vier Monate sind es, die nicht nach Tagen, sondern nach der Anzahl der Schritte und Atemzüge zu zählen wären: Erfasst von einer nimmer ruhenden Bewegung und der Begierde alle Einzelheiten in der chiffrierten, symbolträchtigen Sprache der Kunst aufzunehmen. Eine erkennende Intuition und ein Sein das mit dem Geist des Ortes fest verschweisst war. Es scheint fast, als berge diese Stadt ein rätselhaftes Etwas, das mit den authentischen und kreativen Geschöpfen, die sie aus allen Himmelsrichtungen aufsuchen, im Dialog ist.

Neben manchmal fast magischen Fotografien, die wir erstaunt betrachten, als sähen wir die Ansichten und Details zu Kairo zum ersten Mal, zeigt uns der Künstler über 20 Gemälde, die sich zwischen Realismus, Abstraktion und Symbolismus bewegen, einige zeugen sogar von surrealistischer Sensibilität. Ihre Oberflächen vibrieren mit der Intensität Kairos. Der Künstler stellt seine Werke zurzeit im Atelier Alexander in Winterthur aus. Die Ausstellung ist bis zum 21. September zu sehen.

Werner WAL Frei ist ein Künstler, der sich während seines langen künstlerischen Weges mit der Verbildlichung der Wirklichkeit um sich herum und dem visuellen Erfassen der Zeichen sowie deren Entschlüsselung befasst hat. Er hat eine Sichtweise, die es ihm ermöglicht, diese Realitäten zu lesen und das, was in ihnen verborgen ist auch kritisch zu betrachten. Diesen Künstler musste der epische Horizont der Dächer Kairos, gespickt mit Satellitenschüsseln, verzaubern. Das Staunen über die Dächerlandschaften und ihre künstlerische Umsetzung mündet, neben der Ebene des Formalen, in denselben Kern künstlerischer Absicht, an der der Künstler seit langen Jahren arbeitet.

Sein Hauptinteresse bildete während Jahren das Malen und Zeichnen von sich im Bau befindenden hohen Gebäuden und den mit Netzen verhängten Gerüsten. Jenes Gewebe, das - einem Schleier gleich - die Frage aufwirft, was sich hinter diesen zivilisatorischen Vorhängen tut und verbirgt. Von einem ähnlichen Ansatz her wird die Frage nach der Bedeutung der willkürlich aufgereihten, unendlich vielen Satellitenschüsseln am Kairoer Himmel, aufgeworfen. Er stellt die Frage, was sie über den Äther an politisierter Medienvielfalt, kalkulierten Informationen und einschläfernden Unterhaltungsprogrammen empfangen. Diese Inhalte formen die Gedanken von Millionen Menschen - "Hungrig nach Information ?" und "Hungrig nach Unterhaltung?". Das sind denn auch die Titel, die der Künstler seinen Bildern gegeben hat. Diese Fragen verbergen sich denn auch in den Bildern.

Der Schleier, der über den Gebäuden hängt, die der Künstler in einigen Jahren seines künstlerischen Wegs gemalt hat, ist hier zu den Satellitenschüsseln auf den Kairoer Dächern geworden. Dieser Schleier ist auch im Wind, dessen Hauch Bewegung in die Vegetation bringt, welche der Künstler auf der Insel Qusaya und Dahab fotografiert hat. Wie Treibgut eines ursprünglicheren Lebens schwimmen diese Inseln im Nil, inmitten der Beton-Ungetüme von Kairo, die den Horizont versperren.

Schleier ist aber auch die gewaltige Nacht über der Stadt. Die Strassenlaternen vermögen nur eine blasse, unzulängliche Aureole zu verbreiten. Die Stadt ergibt sich der dichten Nacht, ihrer Finsternis und unterwirft sich der Vibration, welche die Empfindung des Künstlers auf ihrer gemalten Oberfläche hinterlässt. Aber diese Aureole ist auch die Wolke aus Tränengas, in deren Mitte der Revolutionär mit seinem Mundschutz und Wassereimer rennt. Hinter dieser Wolke verbirgt sich eine Gruppe von Demonstrierenden und bewaffnete Soldaten. "Hungrig nach Krieg" - so hat der Künstler dieses Bild betitelt.

Die Frage ist, welch neuen Kontext schafft die Ausführung der realistischen Gemälde ab Fotografien? Vom Künstler selbst wurden letztere ja teilweise als in sich vollendete Werke mit eigenem, künstlerischem Wert geschaffen. Das ist eine schwierige Frage, die mit Logik nicht zu beantworten ist. Hier muss man sich auf die Symbolik des Malakts selbst einlassen, der mit reflektierender Energie geladen ist. Der Akt stellt eine entgegengesetzte Bewegung dar, sich widerständig gegen die konsumorientierte und schnelle Reproduktion der Wirklichkeit aufbäumend. Der Malakt greift tiefer in die Seele ein, als dies der Druck auf den Auslöser einer Kamera tun kann.

Die Bedeutung und der Sinn des Malakts verstärkt die Überfülle Kairos im Verschmelzen mit der Abstraktion, die in einigen Gemälden sichtbar wird. Was zudem die Bedeutung des Malakts rechtfertigt, ist die Wahl eines mittleren Formats durch den Künstler, um das Panorama jener mythischen Satellitenschüsseln abzubilden. Er hat sie nicht grossflächig ausgeführt, was vielleicht einleuchtend und zweifellos eindrucksvoll gewesen wäre. Instinktiv scheut die reflexive Kraft, die der chaotischen Struktur dieser trotzdem ruhigen Bilder innewohnt, vor der effekthaschenden Zurschaustellung zurück, die grössere Flächen vielleicht ausgeübt hätten. Die Formatwahl ist Merkmal eines höchst sensiblen Bewusstseins und Denkens in einer Zeit, die von Geschrei und Schaueffekten beherrscht wird.

Die Kunst verkörpert auch die wichtige musikalische Dimension im Wesen des Künstlers. Sie zeigt sich uns in den aus kleinen, bunten Holzformen zusammengesetzten Objekten. Sie erscheinen mal wie ein Orchester aus verstreuten Musikinstrumenten - eingefroren im Wind - oder wie ein im Leeren schwimmendes, verträumtes Aquarium.

Hier noch zwei weitere Beispiele zu dem, was vorne beschrieben wurde. Das Realistische und das Abstrakte als symbolische Dimension, die beide unvermittelt auch in historische Tiefen eintauchen: Das erste Bild zeigt eine pharaonische Wand am Fusse des Denkmals Ramses II und verbindet sie mit der revolutionären Wirklichkeit in Ägypten, die der Künstler bei seinem Aufenthalt teilweise miterlebt hat. Aus dieser mit Symbolen und Hieroglyphen geprägten Wand fliesst ein rotes Graffitiporträt von Mina Daniel, jenem Revolutionär, den die Panzer während der schrecklichen Zusammenstösse vor dem ägyptischen Rundfunk im Oktober 2011 überfahren haben.

Das zweite Bild stammt nicht aus dieser Periode, sondern geht zurück auf das Jahr 1980 und zeigt, dass das Interesse des Künstlers an Ägypten bereits lange Jahre vor seinem Aufenthalt geweckt wurde. In diesem Gemälde zeigt der Künstler die berühmte Totenmaske des Pharaos Tutanchamun zur einen Hälfte in sich auflösender, rissiger Materie gemalt und zur anderen Hälfte in Gold belassen. Obwohl über 30 Jahre zwischen der Vollendung der zwei Gemälde liegen, so teilen sie beide die Verbindung zwischen zwei gegensätzlichen Welten: Das Opfer und der Pharao, der Zerfall und die Ewigkeit. Kontraste welche durch ihre Konfrontation Raum und Zeit öffnen.

Das letzte Bild, auf das ich noch kurz Bezug nehmen möchte weil es auch von einem scharfen, surrealistischen Geist zeugt, ist eine Malerei an deren Ursprung eine Fotografie stand, die der Künstler gemacht hatte. Sie zeigt einen Fahrradfahrer, der ein Brotgestell auf dem Kopf balanciert. Im Gemälde hat der Künstler den Mann und das Fahrrad gelöscht. Das Brotgestell schwebt im Raum und wirft seinen Schatten auf die Strassen dieser nach Leben hungernden Stadt als wäre er ein Teppich aus Not und Verzweiflung.

 

Youssef Limoud, visueller Künstler und Schriftsteller, lebt in Basel und Kairo